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WIE MAN EIN PERFEKTES STACCATO BEKOMMT

Übersetzt aus dem Englischen von Maria Ertl – Klarinettenschülerin 1998

„Stelle dein Metronom auf ungefähr 50 Schläge pro Minute, wobei jeder Schlag eine Viertel-Note ist. Dies ist eine Legato-Übung, die Sensibilität zwischen der Zungenspitze und der Blattspitze entwickeln soll. Beginne mit einem tiefen Atemzug und stoße eine Note (das leere G oder E, für mehr Stabilität) pro Schlag. Tu dies solange du Luft hast, um die Note zu halten. Versuche, eine möglichst weiche Verbindung bei jeder Wiederholung der Note zu erreichen, indem du sanft mit der Zungenspitze über die Blattspitze streichst. Erreiche eine möglichst kurze Trennung (Separation) zwischen den einzelnen Wiederholungen dieses Vorganges. Mache diese Übung mehrere Male, indem du jedes Mal tief einatmest und sie so lange spielst, bis dir die Luft ausgeht. Halte die Note mit dem Luftstrom so, daß die Zunge möglichst entspannt auf dem Luftstrom „reiten“ kann.

Eine langsame Übung, wie die oben angeführte, wird es dir erlauben, dich einzeln auf eine Reihe von verschiedenen Aspekten, die zu guter Artikulation gehören, zu konzentrieren:

 ·       Die Zungenspitze sollte nie weit von der Blattspitze entfernt sein.

 ·       Die Zungenspitze sollte jedes Mal die selbe Stelle auf dem Blatt berühren

 ·       Die Zunge sollte, den Luftstrom fokusierend, im hinteren Bereich der Mundhöhle gehoben werden, damit die Luft den Zungenmuskel entspannen kann (was auch bedeutet, daß du die Luft reichlich mit dem Zwerchfell unterstützen musst) und die Schwingungen des Blattes sollten bei jedem Zungenschlag ohne Störungen des Klanges gehalten werden.

 ·       Der Ansatz muss fest und passend sein (nicht angespannt, denk daran), so daß das Blatt gleichmäßig und ohne Einschränkungen schwingen kann.

 ·       WICHTIG: Die LUFT leitet den Ton (Klang) ein und hält ihn, nicht die Zunge. Deswegen ist es so wichtig, die Zunge zu entspannen – um zu gewährleisten, daß die Luft arbeiten kann.

Wenn die Zunge angespannt ist, wird sich diese Spannung auch auf den Ansatz auswirken (und umgekehrt), was die Blattschwingungen stört und die Frustration des Spielers ziemlich steigern wird.

Jeder weiß, daß Artikulationsstudien auch eine positive, heilsame Wirkung auf einen schwachen oder schlechten Ansatz haben. Grundsätzlich gesagt ist es unmöglich ein gutes Staccato zu erlernen, wenn der Ansatz unsauber oder unpassend entwickelt ist. Interessanterweise bewirken diese einfachen Artikulationsübungen, daß die Muskeln des Ansatzes trainiert werden. Außerdem gewöhnt man sich daran, den Luftstrom sauber zu bündeln und erreicht so den gewünschten Artikulationsstil.

Folgend eine andere mögliche Übung: Stelle das Metronom auf 50-60 Schläge pro Minute, wobei jeder Schlag eine Viertelnote ist. Die ganze Übung sollte ohne Fehler in C gespielt werden. Beginne mit dem mittleren C und binde in Sechzehnteln von C nach G (als ob du die Tonleiter spielen würdest) und wieder zurück. Wenn Du wieder beim C anlangst, spiele das selbe Staccato und kehre die Richtung wieder um, spiele die ersten fünf Noten der Tonleiter hinauf STACCATO und dann auch staccato wieder hinunter. Einfach gesagt spielst du die ersten fünf Noten der Tonleiter zuerst legato hinauf und hinunter, anschließend staccato. Beim 2. Mal hörst du jedoch nicht beim C, sondern beim D auf und verwendest dieses D als neuen Ausgangspunkt.

Wenn du das D erreichst, spiele es 2 x. Einmal Staccato, als Beendigung des 1. Durchlaufs, dann legato als neuer Ausgangspunkt für die Tonleiter, die mit diesem Ton beginnt. All das sollte in entsprechendem Tempo gespielt werden.

Die Logik dahinter, diesen Teil der Tonleiter zuerst legato und DANN erst staccato zu spielen, liegt darin, daß du dich zuerst mit dem Gefühl vertraut machst, den Ton allein durch die Luftsäule entstehen zu lassen und zu halten. Das Segment staccato zu wiederholen ist lediglich eine Einführung in den unterbrechenden Mechanismus, der auf das Blatt wirkt (nicht auf die Luft!), wobei das Blatt für einen Moment davor bewahrt wird, zu schwingen, doch die Luftsäule konstant bleibt. Dies ist entscheidend. Erlaube der Luft, ihre Arbeit zu tun, den Ton zu stützen, die Vibration des Blattes aufrecht zu erhalten und der Zunge zu erlauben, sich zu entspannen, so daß sie sich geschmeidig vorwärts bewegt (vorausgesetzt, sie ist anfangs nicht zu weit von der Blattspitze entfernt), damit sie leicht über die Blattspitze streicht, um seine Schwingungen für den Bruchteil einer Millisekunde zu unterbrechen.

Fahre mit dieser Übung vom mittleren bis zum hohen C fort und wieder zurück hinunter, jedes Mal 5 Töne bei einem Mal.“

Und noch ein paar von Neils Kommentaren vom Februar 1997:

Mein alter Lehrer sagte einst zu mir: „Du musst einen guten Ansatz haben, um ein gutes Staccato zu haben.“ Damals verstand ich die Logik dahinter nicht, aber ich entschied mich, das Konzept umgekehrt anzuwenden und dachte mir: „Gut, vielleicht führen Übungen für meine Zungentechnik auch zu einer Verbesserung meines Ansatzes.“

Seine Empfehlung für diesen Prozess war, so perfekt wie möglich die Legato-Artikulation zu erlernen, bis zu einem Niveau, auf dem die Trennung der Noten nahezu nicht mehr wahrnehmbar ist.

Ich begann damit, das leere G zu spielen, das Metronom irgendwo im Bereich 40 eingestellt. Die komplette Übung war einfach Legato-Noten in Vierteln (jeweils 4 davon) zu spielen, gefolgt von Achtel-Noten-Gruppen (8 Noten insgesamt), gefolgt von Achtel-Triolen-Gruppen (insgesamt 12 Noten), gefolgt von 4 Sechzehntel-Noten in Vierergruppen (16 Noten insgesamt). Während ich diese anscheinend hirnlose Übung spielte, begann ich, mich auf eine Vielzahl verschiedener Gebieten der Technik zu konzentrieren, beginnend mit dem Kontaktpunkt meiner Zunge und dem Blatt. Weil ich die Übung so langsam ausführte, hatte ich Zeit, mich jeweils auf einen wichtigen Bereich zu konzentrieren und jenen Anzeichen Aufmerksamkeit zu schenken, die mich wissen ließen, ob ich mich in die richtige Richtung bewegte.

 

Kontaktpunkt von Zunge und Blatt

Viele Spieler befürworten, daß der Kontaktpunkt der Zunge auf dem Blatt etwas hinter der äußersten Zungenspitze sein sollte. Jeder findet heraus, was für ihn am besten funktioniert, und das Blatt direkt mit meiner Zungenspitze zu berühren, stellte sich für mich persönlich als die beste Art heraus. Als ich die Übung ausführte, „suchte“ ich physische Empfindungen meiner Zunge, die mich darüber informierten, daß es tatsächlich die äußerste Zungenspitze war, die das Blatt berührte. Im Laufe der Zeit und Entwicklung (dies mag vielleicht ein wenig übertrieben oder eingebildet wirken), begann ich meine Artikulations-Studien derartig intensiv zu üben, daß sie sogar ein wenig blutete. Das war kein Problem, da die Zunge sehr schnell heilt (Ich hab gehört, daß sie der Körperteil ist, der am schnellsten heilt, warum auch immer). Indem ich auf meine physischen Empfindungen achtete, in Verbindung mit den „roten Markierungen“ auf meinem Blatt, wurde mir sehr bald klar, ob ich das passende Gebiet meiner Zunge verwendete oder nicht, als ich die Töne artikulierte. Nebenbei, ich hörte eine Anekdote, daß Robert Marcellus so hart an seiner Zungentechnik arbeitete, daß einmal sein Ansatz den Geist aufgab und er im Zuge dessen begann, Spucke und Blut aus seinen Mundwinkeln zu speien, ohne mit den Fortschritten, die er machte, zufrieden zu sein. Dies verminderte meine Bedenken wenn ich meine Übungen beendete und einen roten Punkt auf der Blattspitze fand und feststellen musste, daß ein kleines Stückchen Fleisch auf meiner Zungenspitze fehlte. Es ist unnötig zu sagen, daß ich denke, daß diese Art von Extremismus sicher nicht nötig ist, um ständige Fortschritte auf diesem Gebiet zu erreichen. Nebenbei gesagt - das Blut und das andere Zeug werden NICHT auftauchen, wenn man bloße Legato-Übungen, wie oben beschrieben ausführt.

 

Luftgeschwindigkeit und Stütze

Etwas, woran jeder sich entwickelnde Klarinettist während seines Wachstums arbeiten muss, sind lange Töne. Lange Töne zu spielen hat ungeheuren Nutzen, wenn man sie regelmäßig und mit Konzentration spielt. Das Ausführen der vorher erwähnten Legato-Zungen-Übung hat sogar doppelten Nutzen, da sie auch eine Übung für lange Töne ist. Der einzige Unterschied zu einer „normalen“ Übung für lange Töne ist, daß du deine Zunge in einem regelmäßigen Intervall unterbrechend einführst, während du den Luftstrom auf das Blatt aufrecht erhältst. Warum das hilft? Weil du damit die erwünschte Leichtigkeit und das Legato der Zunge erreichst. Du musst dir selbst beibringen, mit Hilfe der Luft a) die Zunge zu entspannen und b) das ununterbrochene Schwingen des Blattes zu erleichtern. Diese zwei Komponenten miteinander kombiniert werden zu einem mühelosen Einsatz der Zunge führen und zu so hoher Geschwindigkeit wie aufgrund deines Potentials möglich ist.

Behalte im Gedächtnis, daß das Lernen jeder mannigfaltigen Fähigkeit ein aufbauender Prozess ist, wobei das Endziel ist, alle einzelnen Elemente dieser Fähigkeit in ein einziges vereinheitlichtes Konzept zu bringen, das durch einen einzigen Mechanismus ausgelöst wird. Im Falle der Zungentechnik (und im Falle vieler anderer Gebiete der verwendeten Klarinetten-Technik), ist der auslösende Mechanismus der fortgeschrittene und richtige Gebrauch des Luftstromes. Dein Ziel ist es, fähig zu sein, einfach tief zu atmen und die Zunge automatisch in die passende Stellung innerhalb der Mundhöhle zu bringen, wo ihre Funktion der fließenden Luftsäule untergeordnet ist und sie von selbst die richtige Stelle des Blattes berührt.

Während du also leicht streichend die Blattspitze mit der Zunge berührst (sage „thaa“ oder vielleicht „laa“, während deine Lippen „o“ sagen – diese beide Ideen können miteinander verknüpft werden, indem du „tee-ew“ englisch aussprichst), richte deine Aufmerksamkeit voll und ganz auf die Übung und beobachte, was du mit deinem Atemstrom machst. Wenn deine Zunge richtig liegt (gebogen im hinteren Bereich der Mundhöhle, die Backenzähne mit den Seiten berührend, doch flach und niedrig an der Spitze), sollte die Luft über die gebogene Oberfläche des hinteren Teils deiner Zunge fließen, den gebündelten Luftstrahl automatisch auf die Front des Blattes gerichtet (nicht in das Mundstück). Dieser Luftstrom muss ständig vom Zwerchfell unterstützt werden, wobei das Zwerchfell nur ein Teil deiner Anatomie ist, die sich während du spielst in einer Art körperlicher „Spannung“ befinden/manifestieren sollte. Dies sollte immer angewendet werden, ganz gleich in welchem Kontext. Wenn du die richtige Unterstützung des Zwerchfells aufrecht erhältst, beginne, dich auf die Geschwindigkeit des Luftstromes zu konzentrieren, wenn er durch deinen Ansatz und das Blatt fließt. Auf niedrigeren dynamischen Ebenen muss deine Stütze und die Geschwindigkeit erhöht werden, um die konstante Schwingung des Blattes aufrechtzuerhalten, damit die physische Spannung in den Lippen oder dem Kiefer auftritt und freie Blattvibrationen bekämpft. Immer, wenn man spielt ist die Ursache für ungewollte Anspannung des Körpers das Ergebnis eines nicht unterstützen Luftstromes, bei dem sich das Zwerchfell entspannt und die Spannung in einen anderen Körperteil abwandert, die Entspannung und Kontrolle durcheinanderbringend. Dies gilt auch für die Zunge. Sobald der Transfer der physischen Anspannung begonnen hat, ist es oft ein sehr schwer dagegen vorzugehen, selbst wenn ausreichend Luft eingeatmet wurde und die Stütze wieder hergestellt wurde.

 

 Zungenposition

Um zu gewährleisten, daß die Luft ihre Aufgabe erfüllen kann, müssen alle anderen Variationen der Technik individuell und systematisch ausgelöscht werden. Die stabile Zungenposition ist vital, das heißt, daß du dir die richtige Stellung einprägen musst und jederzeit fähig sein musst, wieder in diese zurückzukehren. Die Zungenspitze sollte immer so nah wie möglich am Blatt positioniert sein, ohne es wirklich zu berühren. Dies macht die Artikulation zu einem sehr raffinierten Prozess, der die größtmögliche Entspannung und Kontrolle verlangt, besonders an der Zungenspitze. Wenn die Zunge im hinteren Bereich durch die Aussprache der Silbe „ew“ (englisch ausgesprochen) gebogen ist, während du „oh“ mit den Lippen sagst, sollte die Zungenspitze automatisch flach im vorderen Bereich der Mundhöhle liegen, passend auf einer Positionsebene mit der Blattspitze platziert. Die Artikulation ist dann lediglich die simple Bewegung der Zunge, einige Millimeter vorwärts, das Blatt berührend und dann die Bewegung zurück in die Ausgangsposition. Das Prinzip ist sehr simpel, doch der Prozess der Gewöhnung des Zungenmuskels an diese Bewegung setzt voraus, daß sie in der richtigen Position liegt und entspannt genug ist, um schnell und präzise die Blattspitze zu berühren um dann wieder zurückgezogen zu werden. Dies verlangt sorgfältige Fokusierung und Aufmerksamkeit für physische Empfindungen und den Klangeffekt.

Ebenfalls:

„Ich denke, das beste, was man tun kann ist, damit anzufangen Viertelnoten im Tempo 60 zu stoßen, dann Achtel, dann Sechzehntel und dann das Metronom um 2 Schläge höher zu stellen (wenn dies möglich ist z.B. 60-62) und den Vorgang zu wiederholen. Vergewissere dich, daß der hintere Teil deiner Zunge hoch liegt. Ich mache dies, indem ich die Seiten meiner Zunge an meinen hinteren Backenzähne spüre.“ – Kristen Grattan 4/95

Neil Leupold im März 1995.